Interview mit Gabriele Röthemeyer

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Wieder einmal  haben wir jemanden aus der Löwenzahn Anfangszeit gefunden, der uns hier mit einen tollen Einblick zum Ursprung gibt.

Das Interview wurde  per Mail von Knochen geführt.

1) Erst einmal muss ich fragen, welche Aufgabe Sie bei Löwenzahn innehatten. Was war Ihre genaue Tätigkeit?

Für die ersten vier Staffeln, das heißt von Folge 1 bis Folge 49, war ich unter der Redaktionsleitung von Dr. Ingo Hermann die alleinige verantwortliche Redakteurin auf Seiten des ZDF.

2) Wie sind Sie zu Löwenzahn gekommen?

Zu Löwenzahn bin ich gekommen, weil ich bereits verantwortlich in der gleichen Funktion für die Vorläuferserie Pusteblume gearbeitet habe. Die Serie wurde entwickelt als Bildungsprogramm für Kinder, das heißt sie war nicht in der Verantwortung der Vorschul Redaktion in der Gesamtredaktion Bildung und Erziehung des ZDF. Pusteblume wurde entwickelt von Anne Voss, die im Sinne der Qualität des Programms Auseinandersetzungen mit den Produzenten führte, die nicht einvernehmlich gelöst werden konnten. Daher übernahm ich ab April '78 ihre Funktion, musste aber mit den gleichen Problemen konfrontiert, die Arbeit bei Folge 21 und 22 (beide nicht ausgestrahlt)abbrechen. Ab dem Jahr '79 war ich dann mit der Entwicklung des Nachfolgeprogramms beauftragt.

3) Wie haben Sie Löwenzahn mitgeprägt? Was verdanken wir Ihnen bei Löwenzahn?

Aus all dem vorher Gesagten ergibt sich, dass ich maßgeblich an der Entwicklung und der Prägung von Löwenzahn beteiligt war. Auch der Name des Programms ist mein Vorschlag, ebenso wie ein völlig neu gestalteter Mitarbeiterstab, um in keinerlei Schwierigkeiten mit dem Vorläuferproduzenten zu geraten. Da ich große Erfahrungen im Kinderprogramm im Rahmen meiner Mitarbeit in der Sesamstraße in Hamburg erworben hatte, habe ich auch bewährte und phantasievolle Mitarbeiter aus dieser Zeit zu Löwenzahn gebracht. Dazu gehören unter anderem Autoren und Regisseure wie Arend Agthe, aber auch der Zeichner und Animationsfilmer Klaus Fischer, der für den wunderbaren ersten Vorspann bei Löwenzahn gesorgt hat. Aus dem Freundeskreis von Arend Agthe kam die Anregung, Matthias Raue als Komponisten anzusprechen. Es gibt keine Abspänne, da wir sehr einvernehmlich und als große Arbeitsgruppe miteinander gesponnen, geschuftet, gefeiert und erfolgreich entwickelt haben. Auch ist natürlich auf meinen Einfluss und die Zusammenarbeit mit Klaus Fischer der Bauwagen zurückzuführen, der von ihm als multifunktionaler Drehort erfunden wurde.

4) Haben Sie mit dem Erfolg von Löwenzahn gerechnet?

Schon die unter nicht idealen Bedingungen entstandenen Folgen von Pusteblume machten deutlich, dass das Konzept, das heißt auch die neuen Inhalte für das Kinderprogramm, nämlich Natur / Umweltschutz / Technik zusammen mit einer idealen, hochbegabten Hauptfigur wie Peter Lustig, einen späteren Erfolg nicht wirklich ausschlossen.

5) Gibt es interessante bzw. lustige Begebenheiten zu Löwenzahn, an die Sie sich noch erinnern können?

Natürlich gibt es in meiner Wahrnehmung eine Unzahl interessanter und auch amüsanter Begebenheiten. Man muss sich zum einen vorstellen, dass die ersten Folgen der Studio TV noch in Heidelberg endgefertigt wurden und die allererste Abnahme der ersten Folgen, bei der ich natürlich sehr aufgeregt war, mit Ingo Hermann in einem angemieteten Trakt innerhalb eines ehemaligen amerikanischen Kasernengeländes stattfanden. Ingo Hermann wurde begleitet von einer chinesischen Volontärin in der Hauptabteilung Kultur und Gesellschaft, die das "Ergebnis" der ersten großen Chinareise des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt war. Sie spürte meine Anspannung und fragte mich in Beisein von Ingo Hermann: "Sind Bosse in Deutschland auch so streng wie in China?" - wobei bei ihr sicher drakonischere Strafen bei Versagen mitschwangen, als sie im ZDF üblich waren.

Das erste Produktionsbüro befand sich in Berlin in der Leibnizstraße in Wilmersdorf im Hinterhof. Im Vorderhaus war eine damals angesagte Szenekneipe, das Axbax, das der legendäre Rollie leitete, eine der schillerndsten Berliner Szenefiguren. Wenn wir endlich abgedreht, zu Ende diskutiert, überhaupt aufgehört hatten zu arbeiten, ging es zum Absacker ins Axbax - und nicht selten waren wir in Gesellschaft von Ingrid Caven, Ulli Lommel oder Peer Raben - ein ambitioniertes, kleines Kinderprogramm mitten im Fassbinderschen Filmdschungel.

Dann gab es die wunderbare Feier, ausgerichtet von der Studio TV in Heidelberg, möglicherweise zum Abschluss der zweiten erfolgreichen Staffel. Nach einem herrlichen Abendessen befanden wir uns in der eleganten Bar des europäischen Hofs in Heidelberg, wo Peter Lustig von einer Gruppe Industrieller erkannt wurde, die uns daraufhin Runden um Runden Champagner zukommen ließen. Als wir schließlich die Bar verlassen mussten, entdeckte der hochseriöse und immer auch sehr ernsthafte Produzent Wolfgang Mann einen ihn faszinierenden kleinen Messingkasten am Rande des Foyers. Plötzlich war - und man weiß nicht wie - der Hauptschalter des Hauses betätigt worden und wir standen in völliger Finsternis. Dies allerdings ist die finsterste Erfahrung, die ich mit Löwenzahn verbinde, der Rest ist wirklich heiter und beflügelnd gewesen.

6) Was war Ihr erster Eindruck von Peter Lustig?

Wenn ich mich richtig erinnere, so weiß ich, dass Peter damals in München natürlich wie ein interessanter Fremdkörper wirkte, aber er von vorneherein mit Leidenschaft jeden der Inhalte, die er verkörpern musste bzw. besprechen musste, selbst erforschte und sich eine Meinung bildete, die dann dazu führte, dass er seine Texte mit unglaublicher Überzeugungskraft präsentierte.

7) Nach der 4. Staffel haben Sie Löwenzahn verlassen. Aus welchem Grund?

Mir erschienen fünf Jahre intensiver Arbeit an diesem Projekt insofern ausreichend, als eine wunderbare kreative Mannschaft gebildet war, ein überzeugender inhaltlicher Rahmen gefunden, eine potente und engagierte Produktionsgesellschaft hinter dem Ganzen stand, der Grimme-Preis gewonnen war - ich also ein für mich wohlbestelltes Feld hinterlassen konnte und mich neuen Herausforderungen stellen konnte.

8) Eins unserer Hobbys ist es, Drehorte aus den Folgen zu ermitteln. Insgesamt haben wir bereits über 100 Drehorte herausgefunden. Können Sie sich vielleicht noch an Orte erinnern, an denen gedreht wurde?

Die in meinen Augen überstrapazierte Präsenz von Redakteuren am Drehort habe ich nie verstanden - ich kam mir dort immer wie das berühmte fünfte Rad am Wagen vor. In diesem Fall am Bauwagen. Mein Platz war vielmehr die große Themenkonferenz mit allen Autoren, die Einzelarbeit am Buch und später die Auseinandersetzung im Schneideraum mit dem Regisseur. Daher kann ich Ihnen nicht viel zu Drehorten erzählen.

9) Laut unseren Informationen stand der Bauwagen anfangs im Tietzenweg, dem Hauptsitz von Studio TV Film, während die Straßenszenen in der Sterkrader Straße in Tegel gedreht wurden. Können Sie das bestätigen?

Der Bauwagen stand keinesfalls anfangs am Tietzenweg, sondern wir haben damals zusammen mit dem exzellenten Produktionsleiter Horst Burkhardt und dem wunderbaren Producer Karl-Heinz Käfer (der mit mir nach Staffel 4 das Projekt verließ, um aber für die Studio TV höchst erfolgreich als Autor und Regisseur weiterzuarbeiten und der heute einer der renommierttesten Drehbuchautoren der Republik ist) einen Drehort gesucht, der uns die notwendige Ruhe für die Arbeit mit dem damals schon populären Peter Lustig sicherte und wir ja wussten, dass der Bauwagen einen festen Ort haben muss. Wenn aber ein solches attraktives Möbel in der Landschaft steht, sind Schaulustige nicht fern. Was tun? Endlich war die ideale Lösung gefunden: ein Grundstück an der Havel in Alt-Heiligensee, zur Straße hin ein Wohnhaus, ein langgestreckter Garten bis ans Wasser und durch das Wasser verlief zur damaligen Zeit ja noch die Grenze zur DDR - daher war alles überwacht, wenig Schiffsverkehr und eigentlich kein anlanden von Wasserseite her möglich.

10 )Eine der Lieblingsfolge der Communitymitglieder ist auch „Eine Insel im Kornfeld“. Vielleicht erinnern Sie sich noch an den Ort des Drehs?

Leider muss ich hier, siehe oben, auch passen. Es kann durchaus sein, dass die Folge im Weichbild von Berlin gedreht wurde, dass damals allerdings noch nicht so groß war wie heute oder aber im damaligen Westdeutschland, sprich in der Nähe von Heidelberg (vielleicht wäre hier Dr. Karl-Heinz Käfer tatsächlich der geeignetere Gesprächspartner als ehemaliger Producer).

11) Es gibt einen Ort, der uns sehr interessieren würde und zwar ist es Trudes Radladen. Können Sie sich vielleicht noch daran erinnern, wo dieses Haus steht? Ob es in der Nähe von Tegel oder vielleicht in Lichterfelde war?

Die Sterkrader Straße war möglicherweil der Drehort für Trudes Laden.

12) Wissen Sie zufällig etwas über den Verbleib der Schauspielerin Ute Fitz-Koska?

Leider weiß ich nicht, was aus der Schauspielerin Ute Fitz-Koska geworden ist. Sie war schon vor dreißig Jahren eher die unbekannte erste Frau des berühmteren Gatten, nämlich Peter Fitz.

13) Auch Trude verschwand nach der 4. Staffel. Gab es nach der 4. Staffel eine Neuausrichtung bzw. Umstrukturierung bei Löwenzahn? Wenn ja, warum?

Auch hier kann ich Ihnen wenig Genaues sagen. Die Verantwortung ging innerhalb der Redaktion an die klassische Redaktionsgruppe Vorschulerziehung und ich habe die Veränderung im einzelnen nicht mehr mitverfolgt.

14)  Haben Sie noch Andenken von damals wie zum Beispiel alte Fotos?

Was ich habe, ist eine wunderschöne Abschiedscollage aller damals maßgeblich Beteiligten an Löwenzahn, gebastelt vom schon erwähnten und inzwischen leider verstorbenen Klaus Fischer.

Vielen Dank Frau Röthemeyer für dieses sehr Ausführliche Interview!
(c)Löwenzahn FanClub

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